Der Bericht „Sign Language in the Era of Artificial Intelligence“ der European Union of the Deaf (EUD) befasst sich mit den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Gebärdensprachen und auf gehörlose Gemeinschaften. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie KI-Technologien eingesetzt werden können, ohne die sprachlichen, kulturellen und menschenrechtlichen Grundlagen von Gebärdensprachen zu gefährden. Der Bericht macht deutlich, dass KI zwar neue Chancen für Zugänglichkeit, Kommunikation und Teilhabe bietet, zugleich aber erhebliche Risiken birgt, wenn sie unkontrolliert oder ohne Beteiligung gehörloser Menschen entwickelt wird.
Ein zentrales Anliegen des Berichts ist die klare Abgrenzung zwischen Unterstützung und Ersatz: KI-basierte Systeme dürfen menschliche Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher nicht ersetzen, insbesondere nicht in sensiblen Bereichen wie Justiz, Gesundheitswesen oder Bildung. In diesen Kontexten ist menschliche Expertise unverzichtbar, da KI die sprachliche Komplexität, den kulturellen Kontext und die situative Verantwortung nicht zuverlässig abbilden kann. KI sollte daher ausschließlich als ergänzendes Werkzeug verstanden werden.
Der Bericht betont außerdem die Bedeutung von Co-Creation, also der aktiven Einbindung gehörloser Menschen und ihrer Organisationen in alle Phasen der Entwicklung von KI-Systemen. Gebärdensprachen sind vollwertige, eigenständige Sprachen mit eigener Grammatik und kultureller Verankerung. Werden sie lediglich als technische Datenquelle betrachtet, besteht die Gefahr von Verzerrungen, Fehlübersetzungen und kultureller Entfremdung. Deshalb fordert der Bericht, dass gehörlose Expertinnen und Experten nicht nur konsultiert, sondern gleichberechtigt an Entscheidungsprozessen beteiligt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf ethischen und datenschutzrechtlichen Fragen. Die Nutzung von Gebärdensprachdaten für das Training von KI-Modellen wirft Fragen nach informierter Zustimmung, Datensouveränität, fairer Vergütung und kulturellem Respekt auf. Der Bericht warnt davor, dass Gebärdensprachen kommerziell ausgebeutet oder standardisiert werden könnten, wodurch ihre Vielfalt und Lebendigkeit verloren ginge. Transparenz, Verantwortlichkeit und klare ethische Leitlinien werden daher als unverzichtbar beschrieben.
Schließlich analysiert der Bericht bestehende rechtliche Rahmenbedingungen auf europäischer und internationaler Ebene und kommt zu dem Schluss, dass diese bislang nicht ausreichend auf die besonderen Bedürfnisse von Gebärdensprachgemeinschaften zugeschnitten sind. Es werden politische Maßnahmen empfohlen, darunter die stärkere rechtliche Anerkennung von Gebärdensprachen, verbindliche Standards für KI-Entwicklung sowie klare Regeln zum Schutz sprachlicher und kultureller Rechte gehörloser Menschen.
Insgesamt plädiert der Bericht für einen menschenrechtsbasierten Ansatz: Künstliche Intelligenz darf nicht primär unter Effizienz- oder Kostengesichtspunkten eingesetzt werden, sondern muss die Selbstbestimmung, kulturelle Identität und gleichberechtigte Teilhabe gehörloser Menschen respektieren. Die Zukunft von KI im Bereich der Gebärdensprachen soll gemeinsam mit den betroffenen Gemeinschaften gestaltet werden – nicht über sie hinweg.

