PDF-Download: Positionspapier_des_Berufsverbands_tgsd_zu_Repräsentation,_Kompetenz

Der Berufsverband der tauben GebärdensprachdolmetscherInnen e.V. nimmt wiederholt beobachtete Vergabepraktiken zum Anlass, sich zur Vergabe von Übersetzungs- und Dolmetschaufträgen zu positionieren, insbesondere bei Inhalten mit Bezug zum Judentum.

So wurden Aufträge, die insbesondere jüdisches Leben, jüdische Geschichte und Antisemitismus zum Inhalt hatten, an Dolmetschende und Übersetzende ohne Bezug zur jüdischen Community und ohne entsprechende Erfahrungen und somit ohne Repräsentation vergeben.

Der Berufsverband weist darauf hin, dass qualifizierte taube Gebärdensprachdolmetschende mit Bezug zu jüdischen Communities existieren und in solchen Kontexten neben ihrer fachlichen Qualifikation auch relevante Perspektiven und Kenntnisse einbringen können. Vergleichbare Fragen der Repräsentation stellen sich auch bei anderen Themen marginalisierter Gruppen, etwa bei Inhalten zu muslimischen Communities, Schwarzen Menschen, LSBTIQA+ oder FLINTA+, Personen aus der ehemaligen DDR, sowie andere benachteiligte Gruppen. Diese Aspekte werden im Folgenden ergänzend mitgedacht.

Der Verband sieht in der fehlenden Berücksichtigung solcher Perspektiven ein strukturelles Problem, das Auswirkungen auf Qualität, Chancengleichheit und gesellschaftliche Verantwortung im Bereich des Dolmetschens und Übersetzens hat.

Problem und Ursachen

Dolmetschen und Übersetzen zu Themen wie jüdischem Leben, jüdischer Geschichte oder Antisemitismus erfordert neben einer formalen Ausbildung eine vertiefte inhaltliche und kulturelle Kompetenz. Dazu gehören spezifisches Fachvokabular, Kenntnisse religiöser, historischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge sowie Sensibilität für Diskriminierungserfahrungen und Selbstbezeichnungen.

Solche Kompetenzen entstehen nicht allein durch formale Ausbildung, sondern auch durch persönliche, familiäre oder gemeinschaftliche Bezüge (kulturelle Sozialisation) zu den jeweiligen Themenfeldern.

Wenn entsprechende Perspektiven bei der Auftragsvergabe nicht berücksichtigt werden, besteht die Gefahr, dass bestehende Ausgrenzungen fortbestehen und relevante Sichtweisen unberücksichtigt bleiben.

Eine weitere Herausforderung liegt in komplexen Ausschreibungsverfahren. Häufig sind mehrere Firmen und Einzelunternehmen an der Umsetzung beteiligt. In solchen Konstellationen fehlt teilweise ein gemeinsames Bewusstsein für die Bedeutung von Repräsentation und marginalisierungssensibler Vergabe.

Lösungsvorschläge

Der Berufsverband der tauben GebärdensprachdolmetscherInnen e.V. empfiehlt, Repräsentation als Bestandteil von Qualität zu verstehen.
Bei Aufträgen, in denen jüdische Themen im Mittelpunkt stehen, sollen qualifizierte taube Gebärdensprachdolmetschende mit entsprechenden Communitybezügen bevorzugt berücksichtigt werden. Diese Praxis dient der Qualitätssicherung und dem Abbau struktureller Benachteiligung. Der gleiche Ansatz gilt ebenso bei Themen anderer marginalisierter Gruppen.

Sollte keine entsprechend qualifizierte Person mit Communitybezug vorhanden sein, empfiehlt der Verband ein kooperatives Vorgehen. In solchen Fällen kann der Auftrag in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Selbstvertretung der Minderheitengruppen, für jüdische Themen wäre das der IGJAD, an erstsprachige taube DGS-Nutzende aus der jeweiligen Community vergeben werden, die keine Ausbildung im Bereich Übersetzen und Dolmetschen haben. Der Auftrag wird dabei unter Aufsicht qualifizierter tauber Gebärdensprachdolmetschender bearbeitet.

Diese Kooperation soll strukturiert, transparent und qualitätssichernd erfolgen, orientiert an den Grundsätzen der DIN EN ISO 17100, insbesondere in Bezug auf Fachprüfung, Revision und Verantwortungsklarheit.

Darüber hinaus sieht der Berufsverband einen Bedarf an stärkerer Sensibilisierung bei allen an Ausschreibungen und Anfragen beteiligten Akteuren. Firmen, Einzelunternehmen und Auftraggebende tragen gemeinsam Verantwortung dafür, ein Bewusstsein für Repräsentation, Mehrfachdiskriminierung und strukturelle Ausgrenzungen zu entwickeln. Dabei ist Voraussetzung, dass Transparenz über Rollen, Qualifikationen und Verantwortlichkeiten bestehen bleibt.

Der Berufsverband versteht seine Rolle darin, diese Prozesse fachlich zu begleiten, Qualitätsstandards zu sichern und sich für eine Praxis einzusetzen, die Kompetenz, Repräsentation und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbindet.